Zu Besuch in der alten Pfeifenfabrik in Schweina
Zu Besuch in der alten Pfeifenfabrik in Schweina

Zu Besuch in der alten Pfeifenfabrik in Schweina

Auf den Spuren von Pfeifenmachern, Holzhandwerkern und Industriegeschichte

Manche verlassenen Fabriken erzählen ihre Geschichte nicht nur durch alte Mauern und leere Räume. Werkbänke, Schablonen, Regale, Maschinen und zurückgelassene Werkzeuge lassen noch erahnen, was hier einst entstanden ist und wie viele Menschen an diesen Orten gearbeitet haben. Ein solcher Ort ist das ehemalige Fabrikgelände „Pfeifen & Holz“ in Schweina, einem Ortsteil von Bad Liebenstein.

Bei unserem Besuch konnten wir uns ausführlich auf dem historischen Areal umsehen. Für Fotografen ist die ehemalige Fabrik ein faszinierender Ort – doch hinter den Motiven verbirgt sich vor allem ein bemerkenswertes Stück Thüringer Industriegeschichte.

Die Anfänge: Carl Sebastian Reich und die Pfeifenherstellung

Die Geschichte des Unternehmens begann 1887, als Carl Sebastian Reich in Schweina eine eigene Pfeifenfabrik gründete. Reich stammte aus einer Familie, die bereits mit der Pfeifenherstellung verbunden war. Seine erste Werkstatt befand sich in der Erbsengasse. Schon 1889 zog der Betrieb in größere Räumlichkeiten in der Marktgasse um.

Das Unternehmen entwickelte sich schnell. Um 1900 arbeiteten bereits etwa 40 Menschen für C. S. Reich, 1909 waren es rund 100. Um 1910 entstand schließlich ein neues Fabrikgebäude – ein Teil jenes Industrieensembles, dessen Spuren heute noch zu sehen sind. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich C. S. Reich zur größten Pfeifenfabrik Deutschlands.

Die Herstellung einer Tabakpfeife erforderte zahlreiche einzelne Arbeitsschritte. Aus dem Rohmaterial musste zunächst der Pfeifenkopf herausgearbeitet werden. Bohren, Drehen, Fräsen und Schleifen gehörten ebenso dazu wie die Bearbeitung und Montage der Mundstücke. Schließlich mussten die Oberflächen behandelt und poliert werden.

Damit vereinte die Fabrik unterschiedliche handwerkliche Fähigkeiten: Holzbearbeitung, Drechslerei, Schleiferei, Bohr- und Fräsarbeiten sowie Montage und Oberflächenbearbeitung griffen ineinander. Was am Ende wie ein vergleichsweise einfacher Gebrauchsgegenstand erschien, war das Ergebnis vieler spezialisierter Arbeitsschritte.

Vom Handwerk zur industriellen Fertigung

Mit dem Wachstum des Unternehmens wandelte sich auch die Produktion. Aus einer kleinen Werkstatt war ein Industriebetrieb geworden.

Das Fabrikgebäude der Pfeifenproduktion entstand um 1910. Etwa zehn Jahre später kam ein Verwaltungsgebäude hinzu. Das größte Gebäude des heutigen Ensembles ist das Maßstabwerk, das um 1927 errichtet und um 1933 nochmals erweitert wurde.

Diese Gebäude dokumentieren gleichzeitig verschiedene Entwicklungsstufen des Unternehmens: von der spezialisierten Pfeifenproduktion über die Verwaltung eines größer werdenden Betriebes bis hin zur zunehmenden Herstellung anderer Holzwaren.

Gerade beim Rundgang durch das Gelände wird diese Dimension sichtbar. Produktionsräume, Werkstätten, Lagerflächen und Verwaltungsbereiche bildeten zusammen eine kleine industrielle Welt.

Schwierige Zeiten und neue Produkte

Der Erste Weltkrieg stellte das Unternehmen vor erhebliche Probleme. Besonders die Versorgung mit Rohstoffen wurde schwieriger. In den folgenden Jahren kamen Inflation und zunehmende Konkurrenz aus dem Ausland hinzu.

Damit begann eine neue Epoche in der Geschichte des Werkes.

Das Unternehmen suchte nach Produkten, die sich mit den vorhandenen Maschinen und den Erfahrungen in der Holzbearbeitung herstellen ließen. Ab Ende der 1920er-Jahre wurde die Produktpalette deshalb deutlich erweitert. Neben Tabakpfeifen entstanden nun zunehmend andere Holzwaren und Werkzeuge.

Maßstäbe – Präzision aus Holz

Ein besonders wichtiger Produktionszweig wurde die Herstellung von Maßstäben.

Auf den ersten Blick ist ein hölzerner Gliedermaßstab ein einfacher Gegenstand. Seine industrielle Herstellung verlangt jedoch große Genauigkeit. Holzleisten müssen zugeschnitten und auf ein einheitliches Maß gebracht, geschliffen und mit einer präzisen Skala versehen werden. Anschließend werden die einzelnen Glieder miteinander verbunden und kontrolliert.

Dass für diesen Produktionszweig ein eigenes großes Maßstabwerk entstand, zeigt seine wirtschaftliche Bedeutung für das Unternehmen.

Das um 1927 errichtete und wenige Jahre später erweiterte Gebäude gehört heute zu den markanten Bestandteilen des Fabrikareals.

Hobel und Werkzeuge für die Holzbearbeitung

Ein weiteres wichtiges Gewerk war die Herstellung von Holzhobeln.

Hier konnte das Unternehmen unmittelbar auf seine Erfahrungen in der Holzverarbeitung zurückgreifen. Ein klassischer Holzhobel benötigt einen exakt gearbeiteten Hobelkörper. Die Auflagefläche muss eben sein, das Hobelmaul präzise ausgeführt und das Hobeleisen sicher aufgenommen werden.

Hinzu kamen weitere Werkzeuge und Hilfsmittel für Handwerker. So entwickelte sich aus der ursprünglichen Pfeifenfabrik nach und nach ein vielseitiger Hersteller von Holzprodukten und Werkzeugen.

Noch heute ist diese Entwicklung am Namen des Geländes abzulesen: „Pfeifen & Holz“.

Wasserwaagen und Messgeräte

Neben Maßstäben gehörten später auch Wasserwaagen zum Produktionsprogramm.

Damit kam zur klassischen Holzverarbeitung ein weiterer Bereich hinzu: die Herstellung von Messgeräten. Hier mussten Holz- beziehungsweise Werkzeugfertigung und Präzision miteinander verbunden werden.

Die Produktpalette reichte schließlich von Tabakpfeifen über Maßstäbe und Hobel bis zu Wasserwaagen.

So entstand auf dem Gelände ein bemerkenswertes Nebeneinander unterschiedlicher Gewerke: Pfeifenmacher, Holzarbeiter, Dreher, Schleifer, Werkzeugmacher und Beschäftigte der Messgerätefertigung waren Teil einer gemeinsamen industriellen Produktion.

Die Zeit als volkseigener Betrieb

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein weiterer Abschnitt der Firmengeschichte.

1953 wurde das Unternehmen in Volkseigentum überführt. Aus der Firma C. S. Reich wurde der VEB Pfeifen und Holzerzeugnisse Bad Liebenstein. Bekannt war der Betrieb auch unter der Bezeichnung HOWAL, abgeleitet von „Holzwaren Liebenstein“.

Die Pfeifenherstellung blieb erhalten, doch die anderen Produktionszweige gewannen zunehmend an Bedeutung.

Ende der 1970er-Jahre war HOWAL der alleinige Hersteller von Tabakpfeifen, Maßstäben, Wasserwaagen und Hobeln in der DDR.

Damit hatten sich die Verhältnisse gegenüber der Gründungszeit grundlegend verändert. Aus der Pfeifenfabrik des Carl Sebastian Reich war ein volkseigener Industriebetrieb mit einer breiten Palette von Holzwerkzeugen und Messgeräten geworden.

Diese Entwicklung spiegelte sich schließlich auch im Namen wider: Ab 1979 firmierte das Unternehmen als VEB Werkzeuge und Meßgeräte Schweina. Pfeifen wurden jedoch weiterhin hergestellt.

1990 – das Ende des großen Betriebes

Mit der politischen und wirtschaftlichen Wende von 1989/90 kam auch für das Werk eine einschneidende Veränderung.

1990 wurde der Betrieb geschlossen.

Damit endete nach mehr als einem Jahrhundert die Geschichte der industriellen Produktion, die 1887 mit der kleinen Pfeifenwerkstatt von Carl Sebastian Reich begonnen hatte.

Ganz verschwunden war die Pfeifenherstellung allerdings noch nicht. 1993 wurde auf einem Teil des Geländes die Produktion unter dem Namen „Pfeifenstudio Hartmann Design Berlin“ wieder aufgenommen. Dort wurden noch bis 2017 Pfeifen gefertigt.

Damit überlebte das ursprüngliche Handwerk die große Fabrik noch einige Jahre.

Eine Fabrik als Zeitkapsel

Bei unserem Rundgang war gerade das Nebeneinander dieser verschiedenen Epochen besonders faszinierend.

Die Gebäude erzählen von einer Zeit, in der Industriearbeit noch unmittelbar mit handwerklichen Fähigkeiten verbunden war. Holz wurde zugeschnitten, gebohrt, gedreht, gefräst und geschliffen. Pfeifen entstanden ebenso wie Hobel, Maßstäbe und Wasserwaagen.

Für uns Fotografen liegen die Geschichten heute in den Details.

Eine alte Werkbank, abgenutzte Schubladen, verblasste Beschriftungen, Regale oder zurückgelassene Werkzeuge werden zu Zeugnissen einer vergangenen Arbeitswelt. Licht fällt durch die großen Fabrikfenster auf Räume, in denen einst Maschinen liefen und Menschen ihrer täglichen Arbeit nachgingen.

Gerade diese Mischung aus Verfall, erhaltenen Spuren und Industriearchitektur macht den besonderen Reiz des Geländes aus.

Vom Lost Place zum LandCampus

Ganz verlassen ist das Areal inzwischen allerdings nicht mehr.

2019 beschloss die Stadt Bad Liebenstein, das Gelände zu erwerben; der Kauf erfolgte 2020. Ein Masterplan zur weiteren Entwicklung wurde 2021 erstellt. Seitdem wurden erste Gebäude gesichert und saniert. 2023 entstand gemeinsam mit mehr als 70 Stiftern die gemeinnützige Stiftung LandCampus.

Auf dem mehr als 6.000 Quadratmeter Nutzfläche umfassenden ehemaligen Industrieareal sollen schrittweise neue Möglichkeiten zum Arbeiten, Leben und für kreative Projekte entstehen.

Damit beginnt für „Pfeifen & Holz“ eine weitere Epoche.

Nach Pfeifenmachern und Holzhandwerkern, nach Industrialisierung, zwei Weltkriegen, DDR-Zeit, Wiedervereinigung und jahrelangem Leerstand erhält das Gelände erneut eine Aufgabe.

Geschichte, die man noch sehen kann

Unser Besuch in der alten Pfeifenfabrik war deshalb weit mehr als eine Fototour durch alte Industriegebäude.

Das Gelände erzählt von über 130 Jahren Wirtschafts-, Handwerks- und Sozialgeschichte: vom privaten Unternehmer des ausgehenden 19. Jahrhunderts über die industrielle Massenfertigung und den volkseigenen Betrieb der DDR bis zum Strukturbruch nach 1990 und den heutigen Bemühungen um Erhalt und neue Nutzung.

Und vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination solcher Orte.

Solange Werkbänke, Mauern, Fenster, Treppen und Maschinenreste noch vorhanden sind, bleibt Geschichte nicht abstrakt. Man kann durch sie hindurchgehen, ihre Spuren entdecken – und versuchen, sie mit der Kamera festzuhalten.

Hier geht es zu einem ganzen Album voll von Bildern: